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Fr |07|06|2013| REFERAT

Isabella Pasqualini: Viscontis Raum

45', Vortrag,

Vom Neo-realismo zur poetischen Inszenierungeiner topographischen Dekonstruktion

Als etwas absolut Neuartiges – "eine Art neo-realismo" – wurde der dritte Film von Luchino Visconti in einem Brief durch seinen Kameramann angekündigt. Im Verlauf seines Schaffens hat Visconti mit jedem seiner Filme an einer übergreifenden filmischen und räumlichen Konzeption gearbeitet – figürlich, atmosphärisch und politisch. Die sachliche Inszenierung von Filmtechnik und Bühnenbild spielten dabei immer eine bedeutende Rolle. Das vorerst schlichte, mittels pointierter Requisiten an das Theater erinnernde Bühnenbild, wurde durch location filming und dem zeitlich kohärenten Schnitt, als eigentliche Stilmittel filmisch umgesetzt. Im Verlauf der Sechziger und Siebziger wurde Visconti's filmische Ausdruckskraft stark durch akribisch rekonstruierte und vor allem üppige historische Bühnenbilder geprägt – was seinem Bühnenbild den Übernamen Bottega Viscontiana eintrug. Dabei kann eine Evolution der verwendeten filmischen Stilmittel – und der Raumkonzeption – festgestellt werden. So ist in den letzten filmischen Werken eine plötzliche Dekonstruktion des Blickwinkels zu beobachten, oder, umgekehrt, eine mosaikartig rekonstruierte Topographie, die zu einem für den Betrachter nicht mehr objektivierbaren Raumgefüge führt. Kritiker, so zum Beispiel der brasilianische Filmemacher Glauber Rocha, bezeichneten diese Veränderung als Absicht die "bürgerliche Perspektive des Quattrocento zu dekonstruieren", oder, laut Gilles Deleuze, wird ein gesellschaftliches Abbild in Analogie zu einem "opak werdenden Kristall" generiert. Gerade die letzten Werke Viscontis galten als Vollendung des gesellschaftskritischen Zusammenhangs innerhalb seines Gesamtwerkes.  

Dieser Vortrag baut auf der Hypothese auf, dass ein präziser Zusammenhang zwischen stilistischen Merkmalen und Raumwahrnehmung besteht. Anhand von Erkenntnissen aus dem Gebiet der kognitiven Neurowissenschaft kann dies konkret aufgezeigt werden. Unter bestimmten Bedingungen, wie z.B. nach einem Hirninfarkt, wurde manchmal bei Künstlern eine beabsichtigte stilistische Veränderung festgestellt. Luchino Visconti erlitt am Ende seiner Laufbahn einen schicksalhaften, rechts-hemisphärischen Schlaganfall. Er erschuf danach drei weitere Filme, in denen von zeitgenössischen Filmkritikern ein Stilbruch festgestellt wurde, der sich jedoch selbst schon in der Auswahl des filmischen Stoffes abzeichnete.  

Die Vortragende, Isabella Pasqualini, hat in Architektur und kognitiver Neurowissenschaft promoviert. Neben architektonischer, wie auch wissenschaftlicher Tätigkeit im Labor, hat sie sich mit den kognitiven Aspekten kreativer Prozessen auseinandergesetzt. Dieser Vortrag basiert auf neuen Erkenntnissen, die in einem wissenschaftlichen Artikel publiziert wurden. Im Rahmen dieses Vortrages wird Raum selbst als zentraler Gegenstand der architektonischen und wissenschaftlichen Praxis diskutiert.


Die Dauer des Vortrages beträgt ungefähr 45'. Nach dem Vortrag wird der Film Gruppo di famiglia in un interno von 1974 (Gewalt und Leidenschaft) gezeigt, gefolgt von Rocco e i suoi fratelli (Rocco und seine Brüder) am 8. + 14.6.2013

07.06.2013, 20:15

Als etwas absolut Neuartiges – "eine Art neo-realismo" – wurde der dritte Film von Luchino Visconti in einem Brief durch seinen Kameramann angekündigt. Im Verlauf seines Schaffens hat Visconti mit jedem seiner Filme an einer übergreifenden filmischen und räumlichen Konzeption gearbeitet – figürlich, atmosphärisch und politisch. Die sachliche Inszenierung von Filmtechnik und Bühnenbild spielten dabei immer eine bedeutende Rolle. Das vorerst schlichte, mittels pointierter Requisiten an das Theater erinnernde Bühnenbild, wurde durch location filming und dem zeitlich kohärenten Schnitt, als eigentliche Stilmittel filmisch umgesetzt. Im Verlauf der Sechziger und Siebziger wurde Visconti's filmische Ausdruckskraft stark durch akribisch rekonstruierte und vor allem üppige historische Bühnenbilder geprägt – was seinem Bühnenbild den Übernamen Bottega Viscontiana eintrug. Dabei kann eine Evolution der verwendeten filmischen Stilmittel – und der Raumkonzeption – festgestellt werden. So ist in den letzten filmischen Werken eine plötzliche Dekonstruktion des Blickwinkels zu beobachten, oder, umgekehrt, eine mosaikartig rekonstruierte Topographie, die zu einem für den Betrachter nicht mehr objektivierbaren Raumgefüge führt. Kritiker, so zum Beispiel der brasilianische Filmemacher Glauber Rocha, bezeichneten diese Veränderung als Absicht die "bürgerliche Perspektive des Quattrocento zu dekonstruieren", oder, laut Gilles Deleuze, wird ein gesellschaftliches Abbild in Analogie zu einem "opak werdenden Kristall" generiert. Gerade die letzten Werke Viscontis galten als Vollendung des gesellschaftskritischen Zusammenhangs innerhalb seines Gesamtwerkes.  

Dieser Vortrag baut auf der Hypothese auf, dass ein präziser Zusammenhang zwischen stilistischen Merkmalen und Raumwahrnehmung besteht. Anhand von Erkenntnissen aus dem Gebiet der kognitiven Neurowissenschaft kann dies konkret aufgezeigt werden. Unter bestimmten Bedingungen, wie z.B. nach einem Hirninfarkt, wurde manchmal bei Künstlern eine beabsichtigte stilistische Veränderung festgestellt. Luchino Visconti erlitt am Ende seiner Laufbahn einen schicksalhaften, rechts-hemisphärischen Schlaganfall. Er erschuf danach drei weitere Filme, in denen von zeitgenössischen Filmkritikern ein Stilbruch festgestellt wurde, der sich jedoch selbst schon in der Auswahl des filmischen Stoffes abzeichnete.  

Die Vortragende, Isabella Pasqualini, hat in Architektur und kognitiver Neurowissenschaft promoviert. Neben architektonischer, wie auch wissenschaftlicher Tätigkeit im Labor, hat sie sich mit den kognitiven Aspekten kreativer Prozessen auseinandergesetzt. Dieser Vortrag basiert auf neuen Erkenntnissen, die in einem wissenschaftlichen Artikel publiziert wurden. Im Rahmen dieses Vortrages wird Raum selbst als zentraler Gegenstand der architektonischen und wissenschaftlichen Praxis diskutiert.


Die Dauer des Vortrages beträgt ungefähr 45'. Nach dem Vortrag wird der Film Gruppo di famiglia in un interno von 1974 (Gewalt und Leidenschaft) gezeigt, gefolgt von Rocco e i suoi fratelli (Rocco und seine Brüder) am 8. + 14.6.2013