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Mi |11|11|2020| CINEMA

Notre-Dame du Nil

Atiq Rahimi, Rwanda 2019, 93', OV/d/f,

Anschliessend: Videobotschaft Scholastique Mukasonga

In den Bergen, an einer der Quellen des Nils, behütet in den frühen 1970er Jahren noch eine schwarze Marienfigur ein katholisches Mädcheninternat. Hier werden die Töchter der Elite des Landes ausgebildet. In ihrem Lebenshunger, ihren Träumen und ihrer Ausgelassenheit sind die Mädchen sich ähnlich, egal ob Hutu oder Tutsi. Die Verfilmung des Romans von Scholastique Mukasonga spürt die schlummernde Katastrophe in feinen Bildern auf.

«Notre-Dame du Nil» ist ein typisches katholisches Internat, gelegen in einem Quellgebiet des Nils. Hier werden Mädchen, auch wenn sie eine prestigeträchtige Zukunft vor sich haben, durch eisern christliche Disziplin auf häusliche Aufgaben getrimmt: Putzen, Wäsche waschen, die Umgebung pflegen – insbesondere die Statue der Jungfrau Maria, der Schutzherrin der Schule. Die Schülerinnen sind die Töchter von Ministern (Gloriosa), Botschaftern oder hochrangigen Beamten. Die Mehrheit sind Hutu, doch die Mutter Oberin lässt auch eine Quote junger TutsiMädchen wie Virginia und Veronica zu. Wenn die Mädchen aus den Ferien zurückkehren, bringen sie Geschenke mit, vor allem aber die Feindseligkeit gegenüber den Tutsi, die sich im Land bereits breitmacht. Eines Tages beschädigt Gloriosa die Marien-Statue beim Versuch, ihr eine «Hutu»-Nase zu geben. Um sich selber zu schützen, gibt sie den Tutsi die Schuld.

Die Bilder, in denen der Afghane Atiq Rahimi (The Patience Stone) und sein Kameramann Thierry Arbogast uns in die frühen 1970er Jahre einladen, sind von fantastischer Schönheit. Man muss sich vorstellen, unter welch prekären Bedingungen in einer ruandischen Innenprovinz überhaupt gedreht werden kann. Doch diese Schönheit der Natur, der Gesichter und Körper ist nicht unbelastet. Sie schafft einen Kontrapunkt zur zunächst sozialen und dann physischen Gewalt, die durch die rassenbetonte Geschichtserzählung der Behörden Ruandas aufrechterhalten wurde und zum Genozid 1994 führte. Wie schon der dem Film zugrundeliegende, 2012 erschienene Roman von Scholastique Mukasonga verweist der Film Notre-Dame du Nil auf die Verantwortung der Kolonisatoren und der Kirche, die rassisches Denken überhaupt erst in die Region gebracht hatten und in eine Gesellschaft hinein, die das davor nicht kannte.

11.11.2020, 20:15 19.11.2020, 20:15

In den Bergen, an einer der Quellen des Nils, behütet in den frühen 1970er Jahren noch eine schwarze Marienfigur ein katholisches Mädcheninternat. Hier werden die Töchter der Elite des Landes ausgebildet. In ihrem Lebenshunger, ihren Träumen und ihrer Ausgelassenheit sind die Mädchen sich ähnlich, egal ob Hutu oder Tutsi. Die Verfilmung des Romans von Scholastique Mukasonga spürt die schlummernde Katastrophe in feinen Bildern auf.

«Notre-Dame du Nil» ist ein typisches katholisches Internat, gelegen in einem Quellgebiet des Nils. Hier werden Mädchen, auch wenn sie eine prestigeträchtige Zukunft vor sich haben, durch eisern christliche Disziplin auf häusliche Aufgaben getrimmt: Putzen, Wäsche waschen, die Umgebung pflegen – insbesondere die Statue der Jungfrau Maria, der Schutzherrin der Schule. Die Schülerinnen sind die Töchter von Ministern (Gloriosa), Botschaftern oder hochrangigen Beamten. Die Mehrheit sind Hutu, doch die Mutter Oberin lässt auch eine Quote junger TutsiMädchen wie Virginia und Veronica zu. Wenn die Mädchen aus den Ferien zurückkehren, bringen sie Geschenke mit, vor allem aber die Feindseligkeit gegenüber den Tutsi, die sich im Land bereits breitmacht. Eines Tages beschädigt Gloriosa die Marien-Statue beim Versuch, ihr eine «Hutu»-Nase zu geben. Um sich selber zu schützen, gibt sie den Tutsi die Schuld.

Die Bilder, in denen der Afghane Atiq Rahimi (The Patience Stone) und sein Kameramann Thierry Arbogast uns in die frühen 1970er Jahre einladen, sind von fantastischer Schönheit. Man muss sich vorstellen, unter welch prekären Bedingungen in einer ruandischen Innenprovinz überhaupt gedreht werden kann. Doch diese Schönheit der Natur, der Gesichter und Körper ist nicht unbelastet. Sie schafft einen Kontrapunkt zur zunächst sozialen und dann physischen Gewalt, die durch die rassenbetonte Geschichtserzählung der Behörden Ruandas aufrechterhalten wurde und zum Genozid 1994 führte. Wie schon der dem Film zugrundeliegende, 2012 erschienene Roman von Scholastique Mukasonga verweist der Film Notre-Dame du Nil auf die Verantwortung der Kolonisatoren und der Kirche, die rassisches Denken überhaupt erst in die Region gebracht hatten und in eine Gesellschaft hinein, die das davor nicht kannte.