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Fr |07|11|2014| CINEMA

Reality

Matteo Garrone, IT 2012, 115', I/d, nt

TOURNEEFESTIVAL CINEMA ITALIANO

Luciano führt einen Fischstand mitten in Neapel und macht zusammen mit seiner Frau zuweilen krumme Geschäfte. Vor allem aber ist er ein geborener Spassvogel, der vor seinen Kunden und seiner vielköpfigen Verwandtschaft mit Inbrunst die Stimmungskanone gibt. Bald sind sich alle einig: „Luciano, du gehörst ins Fernsehen!“ Angestachelt von seinen Angehörigen nimmt Luciano am Casting für die Reality-Show „Grande Fratello“ (Big Brother) teil. Aber sein Traum entwickelt sich schnell zu einer Besessenheit, die ihn und seine Familie zu verschlingen droht.



Der neue Film von „Gomorra“-Regisseur Matteo Garrone ist eine grandios wilde Achterbahnfahrt durch das italienische Showbusiness und die italienische Volksseele. Garrones fulminante Abrechnung mit Lug und Trug, mit schönem Schein und grotesken Medienspektakeln im von Berlusconi geprägten Italien wurde mit dem Grossen Preis der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet.



„Reality“ hat eine komische und eine bittere Seite, aber die Anklage gegen eine bestimmte Art von Fernsehen steht nicht im Mittelpunkt. Vielmehr geht es mir um eine ehrliche Darstellung meiner Heimat. Der Film ist eine Art modernes Märchen. Im Vergleich zu „Gomorra“ bin ich mit „Reality“ weniger in Richtung des Dokumentarischen gegangen, sondern vielmehr an die Grenze zum magischen Realismus. Mich interessierte Lucianos Sicht; die Kamera bleibt ganz nahe bei der Hauptfigur. Der Anfang ist linear und dreht sich um den

Traum, mit dem Lucianos Umgebung ihn angesteckt hat. Doch dann beginnen sein Identitätsverlust und seine Reise in den Abgrund. Matteo Garrone

In den genialsten Momenten von „Reality“ vereint Matteo Garrone das Fernsehformat „Grande Fratello“ mit George Orwells Big Brother, der uns in „1984“ gegen unseren Willen ausspioniert. Gleichzeitig ist „Reality“ auch eine Hommage an das italienische Kino, nicht nur an Viscontis „Bellissima“, sondern auch an Fellinis Filme: Luftaufnahmen, Fettwänste in unmöglichen Aufzügen oder Paillettenglitzern. Matteo Garrone ist den anderen italienischen Regisseuren von heute immer ein wenig voraus. Er versteht es, in Bildern zu erzählen. Er weiss, wie man Szenen aufbaut, wie man Dialoge schreibt, wie man SchauspielerInnen auswählt und mit ihnen arbeitet. Und schliesslich das offene Finale des Films, das jeder Zuschauer und jede Zuschauerin für sich selbst zu Ende führen muss. Mariarosa Mancuso, Il Foglio

„Reality“ gehört zu den wenigen Filmen, die sich ausserhalb der üblichen Schemata bewegen. Zu den wenigen, die alles haben, was einen guten Film ausmacht: eine gute Geschichte, gute Regie und gute Schauspieler. Und vor allem ist er mitreissend. Der mit „Gomorra“ berühmt gewordene Regisseur erweist sich mit diesem Film als zeitgenössischer Jünger von Schriftsteller Eduardo De Filippo: Während das zerbrechliche Gleichgewicht von De FilipposFiguren durch einen Lotteriegewinn aus den Fugen geriet, ist es bei Luciano der Big Brother, der in sein Leben einbricht. Jede Zeit hat ihren Mythos. Eduardo De Filippos Helden waren Symbole eines Italiens der Depression. Heute hingegen kommen sie aus einem mit Kameras gespickten Studio. Aber in beiden Fällen bleibt das Szenario dasselbe: Neapel, das in der Farbgebung von Garrone und seinem Kameramann Marco Onorato an die Filme von De Sica in seinen besten Zeiten erinnert.

Giorgio Carbone, Libero

07.11.2014, 20:15

Luciano führt einen Fischstand mitten in Neapel und macht zusammen mit seiner Frau zuweilen krumme Geschäfte. Vor allem aber ist er ein geborener Spassvogel, der vor seinen Kunden und seiner vielköpfigen Verwandtschaft mit Inbrunst die Stimmungskanone gibt. Bald sind sich alle einig: „Luciano, du gehörst ins Fernsehen!“ Angestachelt von seinen Angehörigen nimmt Luciano am Casting für die Reality-Show „Grande Fratello“ (Big Brother) teil. Aber sein Traum entwickelt sich schnell zu einer Besessenheit, die ihn und seine Familie zu verschlingen droht.



Der neue Film von „Gomorra“-Regisseur Matteo Garrone ist eine grandios wilde Achterbahnfahrt durch das italienische Showbusiness und die italienische Volksseele. Garrones fulminante Abrechnung mit Lug und Trug, mit schönem Schein und grotesken Medienspektakeln im von Berlusconi geprägten Italien wurde mit dem Grossen Preis der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet.



„Reality“ hat eine komische und eine bittere Seite, aber die Anklage gegen eine bestimmte Art von Fernsehen steht nicht im Mittelpunkt. Vielmehr geht es mir um eine ehrliche Darstellung meiner Heimat. Der Film ist eine Art modernes Märchen. Im Vergleich zu „Gomorra“ bin ich mit „Reality“ weniger in Richtung des Dokumentarischen gegangen, sondern vielmehr an die Grenze zum magischen Realismus. Mich interessierte Lucianos Sicht; die Kamera bleibt ganz nahe bei der Hauptfigur. Der Anfang ist linear und dreht sich um den

Traum, mit dem Lucianos Umgebung ihn angesteckt hat. Doch dann beginnen sein Identitätsverlust und seine Reise in den Abgrund. Matteo Garrone

In den genialsten Momenten von „Reality“ vereint Matteo Garrone das Fernsehformat „Grande Fratello“ mit George Orwells Big Brother, der uns in „1984“ gegen unseren Willen ausspioniert. Gleichzeitig ist „Reality“ auch eine Hommage an das italienische Kino, nicht nur an Viscontis „Bellissima“, sondern auch an Fellinis Filme: Luftaufnahmen, Fettwänste in unmöglichen Aufzügen oder Paillettenglitzern. Matteo Garrone ist den anderen italienischen Regisseuren von heute immer ein wenig voraus. Er versteht es, in Bildern zu erzählen. Er weiss, wie man Szenen aufbaut, wie man Dialoge schreibt, wie man SchauspielerInnen auswählt und mit ihnen arbeitet. Und schliesslich das offene Finale des Films, das jeder Zuschauer und jede Zuschauerin für sich selbst zu Ende führen muss. Mariarosa Mancuso, Il Foglio

„Reality“ gehört zu den wenigen Filmen, die sich ausserhalb der üblichen Schemata bewegen. Zu den wenigen, die alles haben, was einen guten Film ausmacht: eine gute Geschichte, gute Regie und gute Schauspieler. Und vor allem ist er mitreissend. Der mit „Gomorra“ berühmt gewordene Regisseur erweist sich mit diesem Film als zeitgenössischer Jünger von Schriftsteller Eduardo De Filippo: Während das zerbrechliche Gleichgewicht von De FilipposFiguren durch einen Lotteriegewinn aus den Fugen geriet, ist es bei Luciano der Big Brother, der in sein Leben einbricht. Jede Zeit hat ihren Mythos. Eduardo De Filippos Helden waren Symbole eines Italiens der Depression. Heute hingegen kommen sie aus einem mit Kameras gespickten Studio. Aber in beiden Fällen bleibt das Szenario dasselbe: Neapel, das in der Farbgebung von Garrone und seinem Kameramann Marco Onorato an die Filme von De Sica in seinen besten Zeiten erinnert.

Giorgio Carbone, Libero